No Hair Don’t Care

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Endlich melde ich mich auch mal wieder. Viele haben sich schon Sorgen gemacht, ob es mir nicht gut geht oder sich gewundert, ob ich vielleicht keine Lust mehr auf den Blog habe. Ganz im Gegenteil. Mir geht’s gut und wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, hätte ich auch viel mehr geschrieben. Die letzten Wochen waren super ereignisreich und vollgepackt. Ich bin mitten in der Hochzeitssaison und hatte alleine diesen Monat schon ca. 10 Hochzeiten. Zum ersten Mal hatte ich einen Praktikanten der mich zwei Wochen lang begleitet hat. Und seit ein paar Tagen unterrichte ich auch wieder meine Tanzkurse. Im Großen und Ganzen geht es mir sehr gut, ich hatte einfach nur absolut keine Zeit zu schreiben. In den Pausen zwischen dem ganzen Stress habe ich leider mit sehr starken Kopfschmerzen zu kämpfen, weshalb ich dann lieber geschlafen habe. Ich habe aber noch so viel zu erzählen. Also, let’s go!

Auch, wenn dieser Eintrag auf den ersten Blick sehr deprimierend wirken mag, sage ich Euch jetzt schon: es lohnt sich bis zum Ende hier zu bleiben! Es wird lustig.

Heute geht es um meine Glatze. Eine meiner ersten Fragen im Mai, als ich die Diagnose gestellt bekam und mir gesagt wurde, dass ich eine Chemotherapie brauchen werde, war die Frage nach dem Haarausfall. Meine Ärzte konnten mir direkt sagen, dass meine Haare definitiv ausfallen werden. Und damit meine ich nicht nur meine Kopfbehaarung, sondern wahrscheinlich auch Wimpern und Augenbrauen. Das musste ich erstmal verkraften.

Ich würde nicht sagen, dass ich ein Mensch bin der sehr auf sein Äußeres achtet, es wäre aber auch gelogen, wenn ich sagen würde es sei mir egal. Eigentlich habe ich mich immer für sehr selbstbewusst gehalten. Aber der Tag an dem ich wusste, dass ich meine Haare verlieren werde, hat mich sehr viel Kraft gekostet. Gerade wenn im Gesicht Augenbrauen und Wimpern fehlen, sieht man sehr schnell entfremdet aus. Ich hatte die Angst, dass ich bei jedem Blick in den Spiegel an meine Krankheit und Situation erinnert werden würde. Dazu kam die Befürchtung, dass ich mich selber nicht mehr wieder erkennen würde.

Was aber tatsächlich geschah, habe ich nicht erwartet. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass ich tatsächlich mich selber sehe. Mich und nur mich. Ich kann mich nicht verstecken hinter irgendwelchen Haaren und zum ersten Mal sehe ich meine Kopfform. Was am Anfang Überwindung gekostet hat, hat mir irgendwie geholfen mich selbst mehr zu akzeptieren und zu lieben. Die Dinge, die mich früher an meinem Gesicht gestört haben, nehme ich überhaupt nicht mehr wahr. Seitdem ich mich nicht mehr verstecken kann hinter Haaren, liebe ich mein Gesicht mehr denn je. Das soll sich überhaupt nicht selbst verliebt anhören! Ich will nur sagen, dass mir meine Glatze letztendlich zu mehr Selbstakzeptanz verholfen hat.

Ganz zu schweigen davon, ist sie auch noch super praktisch. Ich brauche nicht mehr so lange zum Duschen. Bei heißem Wetter schwitzt man nicht so viel. Und ich kann jeden Tag meinen Look verändern. Mal trage ich einen Turban, mal meine Perücke und manchmal gehe ich auch oben ohne. Vor ein paar Wochen habe ich mir selber die Challenge gegeben, eine Woche nur mit Glatze durch die Gegend zu laufen. Es kamen natürlich ein paar doofe Blicke und dämliche Kommentare bzw. Reaktionen, aber im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass die Leute besser reagiert haben, als ich es erwartet hätte. Seitdem verlasse ich häufiger mal mit Glatze das Haus, ohne mich dabei auf irgendeine Art und Weise unsicher zu fühlen.

Natürlich gibt es auch negative Sachen. Man friert super schnell ohne Haare auf dem Kopf. Auch nerven die Fliegen im Sommer, wenn sie ständig auf dem Kopf landen. Unter dem Turban und der Perücke kann es ganz schön warm werden. Und ohne Wimpern wird man wirklich wahnsinnig lichtempfindlich und die Augen sind null geschützt vor Staub, weshalb sie viel tränen.

Es war wirklich eine riesengroße Überwindung meine Haare ab zu rasieren. Ca. 10 Tage nach der ersten Chemo bemerkte ich, dass meine Haare anfingen auszufallen. Was anfing mit ein paar Haaren die an meinen Klamotten hingen, endete mit riesigen Haarbüscheln, die ich ohne Schmerzen aus meiner Kopfhaut ziehen konnte. Ich konnte sie teilweise vier oder fünf Mal am Tag durchkämmen und die Bürste war immer komplett voll. Am 3.Tag entschloss ich, die Haare einfach ab zu rasieren. Alles war voller Haare und ich verlor sie beim Schlafen, beim Duschen, beim Spazierengehen. Sie waren einfach überall und haben genervt. Außerdem wollte ich nicht abwarten bis es schlimmer wurde und eines Morgens mitten in meinen Haaren aufwachen.

Der Nachmittag bevor ich meinen Haaren Lebewohl sagte, war sehr hart. Ich konnte mich wirklich nicht beherrschen und habe eine Stunde lang geheult. Danach habe ich mir gesagt, dass ich eh nichts daran ändern kann und habe das Beste draus gemacht. Vier meiner Freundinnen kamen vorbei und ich gab ihnen einen Freifahrtschein alles an mir auszuprobieren. Wer wollte nicht schon immer mal zig verschiedene Frisuren ausprobieren, ohne etwas zu verlieren zu haben? Angefangen von einem Pony über Sidecut, Undercut, Topfschnitt (ja, Ihr habt richtig gelesen!), bis hin zu Mittelscheitel à la Backstreet Boy Nick Carter, Irokesen und Buzzcut, war wirklich alles mit dabei. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel gelacht habe. An dem Abend floss keine einzige Träne. Und ich muss sagen, der Iro stand mir echt verdammt gut. 😀

Wenn Ihr es bis hier geschafft habt, werdet Ihr wie versprochen belohnt. Wir konnten es uns nicht verkneifen, das ganze Spektakel zu filmen. Also gibt es jetzt zum ersten Mal für die Menschheit zugänglich, ein Best of der schrecklichsten Frisuren ever. Lasst Euch gesagt sein: solltet Ihr nicht gerade kurz vor einem totalen Haarausfall stehen, gebt Euren Freunden niemals (und ich meine wirklich niemals!) die Macht über Eure Haare. Ihr werdet es mit Sicherheit bereuen.

Now watch and learn!

Peace und #fuckcancer,

Eva

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Du bist soooo eine coole Frau! 👏👏👏👏👍😉

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