24

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Vor dem heutigen Tag hatte ich Angst. Nicht, weil heute irgendeine unangenehme Behandlung oder ähnliches ansteht (tut es allerdings, aber die ist nicht daran Schuld), sondern weil ich heute Geburtstag habe.

Ihr fragt Euch jetzt sicherlich: Warum sollte man vor seinem Geburtstag Angst haben? Tja, das habe ich mich die letzten Wochen auch gefragt. Tatsächlich konnte ich darauf aber erstmal keine logische Antwort finden.

Die letzten Jahre habe ich mich immer gefreut, den 12. Oktober mit Menschen zu verbringen, die ich gerne habe und das Leben zu feiern. Ich habe nie riesen Partys geschmissen oder so. Meinen 18. z.B. habe ich in kleiner Runde mit jeder Menge Kuchen bei mir zu Hause „gefeiert“. An meinen 19. Geburtstag kann ich mich grade nicht einmal mehr richtig erinnern. Na gut, an meinem 20. gab’s `ne fette Party, weil ich darauf an meinem 18. keine Lust hatte. Aber die darauf folgenden Jahre waren alle sehr ruhig. Kleine Runden, gemütliches Beisammensein, leckeres Essen. Manchmal sogar im Ausland. Und alle Geburtstage waren perfekt so wie sie waren.

Aber dieses Jahr sollte anders sein. Als ich Anfang Mai die Diagnose Krebs bekam, ging es erst mal um Leben und Tod. Dadurch, dass der Tumor mir die Venen abklemmte, eine obere Einflussstauung verursachte und das Blut aus meinem Kopf nicht mehr abfließen konnte (mehr darüber könnt ihr hier lesen), war ich nur ein paar Tage von einem Hirnschlag entfernt. Von jetzt auf gleich wurde mein ganzes Leben über den Haufen geworfen. Nichts war mehr so wie vorher. Ob ich meinen nächsten Geburtstag überhaupt erleben würde, stand in den Sternen. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich die nächste Woche erleben würde.

Als ich über die Therapie aufgeklärt wurde, fing ich natürlich an durchzurechnen. Wie lange würde es dauern, bis die Therapie abgeschlossen sei und ich gesund wäre? Mein erstes Rechen-Ergebnis: Ende Juli/Anfang August. Es stand also fest: an meinem Geburtstag sollte es eine riesige Fuck-Cancer-Party mit gesundem Ich geben.

Leider hat sich erwiesen, dass in der Krebsbehandlung selten etwas nach Plan läuft. Schwankende Blutwerte machten mir den ersten Strich durch die Rechnung und die einzelnen Chemozyklen wurden mehrere Male aufgeschoben, bis meine Blutwerte sich erholen konnten. Mittlerweile waren wir bei Anfang September.

Als nächstes sollte die Bestrahlung alles behindern. Was immer wieder als „Abschlussbestrahlung“ betitelt wurde (ich dachte so an 2-3 Bestrahlungen), entpuppte sich als 15 Gänge Menü. Damit hatte ich echt nicht gerechnet. Vorläufiger letzter Tag der Strahlentherapie: 11. Oktober.

Ich bin wirklich kein spiritueller Mensch. Ich gehöre keiner Religion an und bin auch nicht mit Aberglauben aufgewachsen. Aber seitdem ich klein war, ist mir immer wieder eine Zahl begegnet. Die 24. Ich würde nicht behaupten, dass sie eine Art Glückszahl war, aber sie war einfach immer allgegenwärtig. Die Tatsache, dass meine Behandlung einen Tag vor meinem 24. Geburtstag enden sollte, war für mich ein positives Zeichen. Mit 24 sollte alles vorbei sein. Der Krebs sollte besiegt und ein neuer, gesunder Lebensabschnitt vor mir liegen. Nennt mich verrückt, aber mir hat das sehr viel Kraft gegeben.

Wer meinen letzten Blogeintrag gelesen hat, weiß, dass es sehr anstrengend war, hier in Heidelberg zur Behandlung aufgenommen zu werden. Und mit meinem Glück wurde dann auch noch eine wichtige CD vertauscht, was zur Folge hatte, dass meine Behandlung nach hinten verschoben wurde. Neuer letzter Behandlungstag: 16. Oktober. Das hat mich erstmal runtergezogen.

Klar sind das nur wenige Tage. Aber mein gesundheitlichet Neuanfang, mein sauber Cut, mein gesunder Start in die 24, war damit versaut. Mein Geburtstag, ein Tag wie jeder andere. Krankenhausbesuche und null Normalität. Oder eine (mittlerweile) Normalität, die ich niemandem je wünschen würde. Zu guter Letzt auch noch die Tatsache, dass ich erst am 13. Oktober nach Hause fahren darf. Heißt: Meinen Geburtstag kann ich nicht einmal mit meiner ganzen Familie und meinen Freunden verbringen. Stattdessen bin ich mit meiner Mama (welche natürlich ohne Frage eine tolle Begleitung ist) den ganzen Tag in Heidelberg und werde in der Uniklinik behandelt. Das ist einfach der krasseste Unterschied zu meiner geplanten Fuck-Cancer-Party und so ganz abfinden konnte ich mich damit die letzten Tage nicht.

Doch dann ist mir etwas eingefallen. Nicht ganz ohne die Hilfe eines Buches, welches ich grade lese.

Dankbarkeit.

Am 03. Mai wusste ich noch nicht einmal, ob ich die nächste Woche überstehen würde. Jetzt haben wir den 12. Oktober und ich bin immer noch hier. Ich habe das ganze Jahr gearbeitet. Diesen Sommer fast 20 Hochzeiten fotografiert, größtenteils alle meine Tanzkurse unterrichtet, weiterhin freie Projekte gemacht, hatte meinen ersten Praktikanten. Und das alles trotz der Chemo, trotz der Nebenwirkungen, trotz der anhaltenden Krankheit. Aber ich habe mir von dem Krebs nicht mein Leben nehmen lassen. Die Welt hat sich weiter gedreht und ich bin jeden Morgen aufgestanden, mit dem Ziel diesem scheiß Teil eine ordentliche Ohrfeige zu verpassen. Tag für Tag.

Jetzt bin ich 24. Aber seit meinem letzten Geburtstag ist kein Jahr vergangen. Mein letzter Geburtstag war am 03. Mai. Seit diesem Tag hat sich alles verändert. Ich habe mich verändert. Ich bin dieses Jahr so sehr über mich hinaus gewachsen, wie ich es nie von mir gedacht hätte. Ich bin disziplinierter. Mutiger. Ich probiere neue Dinge aus. Ich glaube mehr an mich. Ich genieße Ruhe. Ich weiß, was mir gut tut und was nicht. Ich lebe mehr. Ich erwarte aber auch mehr von dem Leben. Ich gebe mich nicht mehr mit Mittelmäßigkeit zufrieden. Ich versuche nur noch die positiven Dinge zu sehen. Ich bin dankbarer. Aber am aller wichtigsten: Ich weiß das Leben zu schätzen und halte es nicht mehr für selbstverständlich.

Heute bin ich vor allem dankbar für die 24.

Auch, wenn die Behandlung und mein Weg mit der Krankheit noch nicht vorbei sind, weiß ich, dass mein nächstes Lebensjahr eines der besten sein wird. Wenn nicht sogar DAS Beste. Mit den Dingen die ich auf meiner Reise bisher gelernt habe, werde ich Tag für Tag weiter wachsen. Ich werde jeden Morgen dankbar aufwachen und jeden Tag genießen, als sei er der letzte. Heute habe ich auch keine Angst mehr. Ich freue mich auf das nächste Jahr und kann kaum erwarten, was das Leben für mich bereit hält. Es kann nur bergauf gehen.

 

Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind. 

– Francis Bacon

 

Peace & #fuckcancer,

Eva

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Matthias Schmitz sagt:

    Liebe Eva! Was für eine Weisheit hat dir die Krankheit beschert.Ich wünsche dir aus vollstem Herzen,dass dein 25.Geburtstag der geilste aller Zeiten wird und du deine Träume perfekt leben kannst.Ich kenne dich schon von Geburt an,du warst immer ein tolles Mädchen.Du bist noch besser geworden! Alles Liebe Deine Andrea

    Von meinem iPhone gesendet

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    1. Eva Berten sagt:

      Vielen lieben Dank Andrea! Das bedeutet mir viel 🙂

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